Die persönlichen Eigenschaften der Entschlossenheit und Energie (oder Tatkraft) gehörten bereits bei Hesiod (700 v. Chr.) und Vergil (70 v. Chr.) zu den positiven, nützlichen und anzustrebenden Tugenden. Das Scheitern hingegen ist bis heute ein Tabu. Nur unter großen Mühen und Anstrengungen können wenige dem Scheitern etwas positives entlocken. Für viele gilt nach wie vor der harte Satz der Selbstbeurteilung: Ich bin wohl nicht gut genug.
Mittlerweile durchzieht die Angst und Aussicht auf`s Scheitern alle gesellschaftlichen Schichten. Ganz früher war das natürlich “nur” ein Problem der Armen und Unterprivelegierten. The winner takes it all Spiele werden aber nach wie vor gespielt, wahrscheinlich mehr als Sie glauben. Verlierer gehen oft leer aus, nur der Sieger vögelt die Ballkönigin, wie James Bond - stellvertretend für all`die “Ich-bin-ein-Sieger-Typ” Typen zu sagen pflegte. Systemlogik? Ganz sicher. Und selbstverständlich liegt die Veranlagung besser zu sein als die anderen in unserer Einstellung, weil es auf einem konditionierten “Belohnungsprinzip” aufbaut. Man bekommt Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Anerkennung, Bedeutung, bildet eine Marke: “ich bin seit 10 Jahren der unangefochtene Umsatz-König, wir sind seit 23 Spielen in Folge ungeschlagen, wir sind das erfolgtreichste Unternehmen der Branche; wir sind der Wahlsieger, obwohl wir 10 Prozentpunkte abgeben mussten” etc. etc.. Wer interessiert sich für den Zweiten? Wer kennt seinen/ihren Namen?
Die Macht von Sieger-Bildern in unseren Köpfen ist nach wie vor ungebrochen. Tagtäglich werden sie durch die Medien bedient und durch unsere Konsum-Gewohnheiten am Leben gehalten. Ganz bestimmt ist das nicht Neues, was ich hier erzähle. Gehört aber zu meiner Einleitung ins Thema: FLOW.
Verhaltenweisen, wie oben beschrieben, gehören zum Areal des Reptielenhirn. Jahrtausendelang sehr nützlich - ging es doch um kämpfen, siegen, Gegner töten oder versklaven, Beute machen, in die Höhle schleppen und vom Weibchen belohnt werden und die Wunden pflegen lassen. Das Problem ist nur: viele, sehr viele leben heute noch so, obwohl der Säbelzahntiger nicht direkt hinter ihnen her ist, sobald Sie das Haus verlassen. Oder vielleicht doch - in anderer Gestalt?
Ich plädiere an dieser Stelle für Potentialentfaltung als neues Bildungziel. Wir brauchen eindeutig neue Bilder für unser Zusammenleben. Die Hirnforschung legt ihre Analysen und Beweise auf den Tisch. Gut, zum Teil sind das Bestätigungen in Drei HD von bereits gewusstem, denn die alten Philosophen waren nicht blöd. Aber trotzdem: Bilder haben die Kraft lebendigere Strukturen zu formen, das Gehirn in neuen Strukturen arbeiten zu lassen, die Wahrnehmung zu focussieren, Denken, Handeln und Fühlen zu beeinflussen, unser Zusammenleben zu prägen und…die Welt zu verändern. Bilder, Metaphern und Geschichten prägen also unser SEIN und WERDEN und unsere Gewohnheiten, gute wie schlechte und bleiben Im Gedächtnis haften.
Bilder können auch Erinnerungen sein, an wunderbare Erfahrungen, Begegnungen mit Menschen, an besondere Momente, eingebrannte Gefühle, die erste wirkliche Mutprobe, der erste Kuss, eine Lernerfahrung, die einen Unterschied gemacht hat, gute Lehrer und Mentoren, eine unbändige Freude, Momente von Glücksgefühlen, ausgelöst durch eine Brise warmen Windes in wunderschöner Landschaft, durch eine Geste ihrer Kollegin, ein reibungslos gelungenes Projekt, ein zärtliches Wort oder unerwartete, weil lange nicht erlebte Selbstverständlichkeiten wie Gastfreundschaft oder Vertrauen von Menschen, die Sie gar nicht kennen.
All`diese Potentiale schlummern in jedem und jeder von uns. Immer und überall. Warum rufen wir die nicht öfter ab? Warum sollen Flow-Momente immer “Geschenke” sein, etwas das uns unerwartet trifft? Sicher, es hat seinen Reiz aber diese Fähigkeit, diese Sensibilität lässt sich auch trainieren. Die Fähigkeit zum FLOW ist eine Frage der Achtsamkeit im Moment gepaart mit Wissen um die Gesetzmäßigkeiten einer “stimmigen” Situation. Die Zeit vergessen, im Tun konzentriert versinken. Immer mehr Menschen haben das heutzutage nichtmal mehr im Urlaub, der angeblich besten Zeit des Jahres. Vielleicht liegt es daran - und an den untrainierten Erwartungen.
Wird fortgesetzt.